Kopforthese
| Methode | Kopforthese (Molding Helmet) |
| Indikation | Behandlung einer nicht-synostotischen Schädelasymmetrie (Lagerungsplagiozephalus (LP)/Plagiozephalien) |
| ICD | Q67.3 |
| Oberkategorie | Hilfsmittel zur Therapie mit Methodenbezug |
| (Haupt-)Fachgebiet | Pädiatrie/Orthopädie |
| Zuständigkeit in NR | ASP Mathodenbewertung |
| Datum Einstellung | 23.08.2023 |
| Dokumentenart | Kurzinfo des Medizinischen Dienstes Nordrhein |
| Autor | Dr. Olaf Weingart |
| Datum der letzten Bearbeitung | 18.08.2023 Sollten sich aus Ihrer Auftragsbearbeitung neue Erkenntnisse ergeben, informieren Sie uns bitte darüber per Mail an die Mailbox MFB Methodenbewertung. |
| Weitere Dokumente |
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| Kurzbeschreibung | Kurzbeschreibung des Krankheitsbildes: Bei den kindlichen Kopfdeformitäten unterscheidet man zwischen der synostotischen Schädelasymmetrie (Kraniostose) und den nicht-synostotischen Schädelasymmetrien. Während es sich bei der Kraniosynostose um einen frühzeitigen Verschluss der Schädelnähte handelt, die einerseits zur Schädeldeformität und andererseits aufgrund des bestehenden Platzmangels, zu einer Entwicklungsstörung des Gehirn führen kann, sind bei der nicht-synostotischen Schädelasymmetrie die Schädelnähte nicht verschlossen. Die Kraniosynstose erfordert regelhaft primär eine neurochirurgische Behandlung mit postoperativer Helmtherapie.
Bei der nicht-synostotischen Schädelasymmetrie handelt es sich hingegen häufig um subjektiv wahrgenommene Fehlbildungen (Verformungen), die in Brachyzephalien (symmetrische Abflachung des Hinterkopfes), Plagiozephalien (Schrägabflachung des Hinterkopfes) oder Scapho-Zephalien (längliche Kopfform) eingeteilt werden. Gelegentlich treten hier Mischbilder auf. Beim lagerungsbedingten Plagiozephalus (LP) handelt es sich zunächst um eine Variante der Körperentwicklung. Im Einzelfall kann anhand der klinischen Angaben bei Bedarf geprüft werden, ob die antragsbegründenden Veränderungen eine Krankheit im Sinne des § 27 SGB V darstellen. Diese Veränderungen wurden seit Anfang der 90er Jahre vermehrt beobachtet, da zur Reduktion des plötzlichen Kindstodes eine nächtliche Lagerung von Säuglingen auf den Rücken empfohlen wurde (1). Ein regelmäßiger Wechsel der Lagerungspositionen des Kindes soll das Auftreten der Schädelasymmetrien verhindern, während der Wachphasen sollen die Kinder öfter in Bauchlage gebracht werden. Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule, zum Beispiel aufgrund eines Torticollis oder einer geburtstraumatischen Einblutung in den Musculus sternocleidomastoideus, sind weitere Risikofaktoren für die Entwicklung eines lagerungsbedingten Plagiozephalus (LP). Ein Torticollis liegt bei 20 % der Kinder mit einem LP, aber nur bei 0,1–2 % der Kinder mit symmetrischer Kopfform vor. In der Literatur (2, 3) werden verschiedene Risikofaktoren (z. B. Frühgeburtlichkeit, Entwicklungsverzögerungen etc.) diskutiert, ohne dass ein kausaler Zusammenhang gesichert ist (4). Die Diagnose erfolgt über Anamnese und Klinik. Im Rahmen der Befunddokumentation werden oft die Schrägdurchmesser, die Lage, die Breite sowie die Zirkumferenz des Kopfes oder direkt am Kopf durchgeführte Messung an anthropometrisch definierten Landmarken und Messungen der Schädeldiagonale zur Verlaufskontrolle herangezogen (2). Der typische nicht-synostotische Plagiozephalus (LP) erfordert darüber hinaus keine ergänzende Bildgebung, diese bleibt daher Einzelfällen vorbehalten wenn eine Kraniosynostose beispielsweise über CT auszuschließen ist (5). Auch wenn die Schädeldeformität eingetreten ist, gilt die Durchführung einer konsequenten Lagerungstherapie ggf. begleitet von Physiotherapie als etablierte konservative Therapieoption (6, 7). Die Beratung der Eltern ist insbesondere in der Frühphase ein wirksames Instrument (8). Kurzbeschreibung der Methode (Kopforthese): Bei den Kopforthesen „Molding Helmets“ handelt es sich um helmartige Konstruktionen aus Kunststoff, die in der Vergangenheit mit Gipsabdruck, aktuell meistens nach digitalen fotooptischen Vermessungsverfahren des Schädels hergestellt werden und durch mechanische Einwirkungen (Schädel wächst in die Passform hinein) eine Änderung zur gewünschten Kopfform bewirken sollen. In einer multizentrischen Studie van Wijk et al 2014 wurde bei 84 Kindern im empfohlenen Alter von fünf bis sechs Monaten entweder eine Helmtherapie durchgeführt oder der natürliche Verlauf der kindlichen Kopfentwicklung abgewartet. Verschiedene Winkel des Kopfbaues (Anthropometrie), die Lebensqualität (Elternfragebogen) sowie Ängste der Eltern und Nebenwirkungen wurden im Rahmen der Studie untersucht. Aufgrund der Ergebnisse dieser Studie, welche eine vergleichbare Wirksamkeit der Helmtherapie und der konservativen Therapie zeigten, kommt vor dem Hintergrund der beobachteten Nebenwirkungen (Druckstellen und Hautirritationen) und der hohen Therapiekosten die wissenschaftliche Arbeitsgruppe (3) zu dem Schluss, dass das Kopforthese-Verfahren für gesunde Kinder mit moderater bis schwerer Schädelasymmetrie auch mangels wissenschaftlicher Grundlagen nicht zu empfehlen ist. Neuere Publikationen zu Ergebnissen nicht randomisierter Studien (1, 9, 10), welche die Therapie der LP untersuchten, berichteten vereinzelt über eine Verbesserung der Asymmetrie und der Diagonaldifferenzen. Es ist also weiterhin fraglich, ob das Tragen einer Kopforthese in der (Zweitlinien-)Therapie der nicht-synostotischen Schädelasymmetrie - über die rein kosmetische Verbesserung hinaus - von Nutzen ist (11). Aktuell sind die Anforderungen an Qualität und Wirtschaftlichkeit im Sinne des SGB V (§§ 2 und 12) für eine Therapie der LP mittels Kopforthese nicht erfüllt. Die Empfehlung der gemeinsamen Therapiekommission der Gesellschaft für Neuropädiatrie und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin DGSJP (3) aus 2012 gilt weiterhin: Eine milde Deformität kann mit rechtzeitiger Lagerungstherapie positiv beeinflusst werden; eine Physiotherapie kann den weiteren Verlauf positiv beeinflussen. |
| Urteile | In mehreren Revisionsverfahren
wurde durch das Bundessozialgericht am 11. Mai 2017 unter anderem mit Verweis auf die Regelungen zur Methodenbewertung durch den G-BA nach § 135 SGB V darauf verwiesen, dass essich bei den Kopforthesen zwar um ein Hilfsmittel, aber um keine Leistung der GKV handelt. Gemäß der obigen Ausführungen des BSG ist die Kopforthese in den obigen Verfahren ein untrennbarer Bestandteil einer neuen vertragsärztlichen Behandlungsmethode (NUB). Aktuelle Beratungen zu der strittigen Methode beim G-BA sind nicht bekannt. |
| Art der Leistungserbringung | Neuartiges Hilfsmittel zur Sicherung des Behandlungserfolgs als untrennbarer Teil einer NUB (s. BSG-Urteile) |
| Fazit | Bei Kopforthesen zur Behandlung der nicht-synostotischen Schädelasymmetrien handelt es sich um ein neuartiges Hilfsmittel zur Therapie. Laut den BSG-Urteilen aus 2017 sind die Kopforthesen bei diesem Krankheitsbild ein untrennbarer Bestandteil einer NUB i. S. v. § 135 SGB V. Ein Positivvotum des G-BA zu der zugrundeliegenden Methode liegt nicht vor. Zum Schutz vor unerprobten Therapieansätzen kann das Vorliegen sozialmedizinsicher Voraussetzungen zur Kostenübernahme im Einzelfall in der Regel nicht bestätigt werden, zumal bei diesem Krankheitsbild regelhaft kein notstandähnlicher Zustand und keine singuläre, unerforschbare Erkrankung vorliegt.
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| Kommentar/Hinweise | Beim Vorliegen einer Kraniostose oder bei der Verordnung eines Helms zum Ausgleich/Vorbeugung einer Behinderung liegt die Zuständigkeit für die Bearbeitung bei den ASP Orthopädie. Bei den Anträgen mit Begründung als Vorsorge vgl. Ausführungen BSG B 3 KR 30/15 R vom 11. Mai 2017: § 23 SGB V zu gewähren. Zwar muss dafür die Schwelle einer Krankheit, insbesondere bei Kindern nicht erreicht sein; die erforderliche Gefährdung der gesundheitlichen Entwicklung setzt aber ein über die Bandbreite individueller Verschiedenheiten hinausgehendes, rechtlich relevantes Ausmaß voraus. Die drohende Beeinträchtigung für das betroffene Kind muss jedenfalls das erträgliche Maß überschreiten, und es müssen zweckmäßige und wirtschaftliche Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Diese Voraussetzungen sind mit einer Kopforthese zur Behandlung einer den Normwerten nahe kommenden leichten Schädelasymmetrie im Säuglingsalter nicht erfüllt.“ |
Literatur:
- Meyer-Marcotty P, Böhm H, Linz C, Kunz F, Keil N, Stellzig-Eisenhauer A, et al. Kopforthesentherapie bei Säuglingen mit einseitigem Lagerungsplagiozephalus − Eine interdisziplinäre Aufgabe mit Ausweitung des kieferorthopädischen Behandlungsspektrum. Journal of Orofacial Orthopedics / Fortschritte der Kieferorthopädie. 2012;73(2):151-65.
- Linz C, Kunz F, Böhm H, Schweitzer T. Lagerungsbedingte Schädeldeformitäten. Dtsch Arztebl International. 2017;114(31-32):535-42.
- Rosenbaum TB, P; Schweitzer, T; Berweck,S; Sprinz, A; Straßburg, H; Klepper, J. Dynamische Kopforthesen ("Helmtherapie"). Stellungnahme der gemeinsamen Therapiekommission der Gesellschaft für Neuropädiatrie und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSJP) [Internet]. 2012:[11 p.]. Verfügbar https://gesellschaft-fuer-neuropaediatrie.org/wp-content/uploads/2018/12/GNP_Stellungnahme_Helmtherapie_final.pdf.
- van Cruchten C, Feijen MMW, van der Hulst R. Demographics of Positional Plagiocephaly and Brachycephaly; Risk Factors and Treatment. The Journal of craniofacial surgery. 2021;32(8):2736-40.
- Beuriat PA, Szathmari A, Di Rocco F, Mottolese C. Deformational plagiocephaly: State of the art and review of the literature. Neuro-Chirurgie. 2019;65(5):322-9.
- González-Santos J, González-Bernal JJ, De-la-Fuente Anuncibay R, Soto-Cámara R, Cubo E, Aguilar-Parra JM, et al. Infant Cranial Deformity: Cranial Helmet Therapy or Physiotherapy? International journal of environmental research and public health. 2020;17(7).
- Cabrera-Martos I, Ortigosa-Gómez SJ, López-López L, Ortiz-Rubio A, Torres-Sánchez I, Granados-Santiago M, et al. Physical Therapist Interventions for Infants With Nonsynostotic Positional Head Deformities: A Systematic Review. Physical therapy. 2021;101(8).
- Aarnivala H, Vuollo V, Harila V, Heikkinen T, Pirttiniemi P, Valkama AM. Preventing deformational plagiocephaly through parent guidance: a randomized, controlled trial. European Journal of Pediatrics. 2015;174(9):1197-208.
- Kunz F, Schweitzer T, Große S, Waßmuth N, Stellzig-Eisenhauer A, Böhm H, et al. Head orthosis therapy in positional plagiocephaly: longitudinal 3D-investigation of long-term outcomes, compared with untreated infants and with a control group. Eur J Orthod. 2019;41(1):29-37.
- Hinken L, Rahn A, Dávila LA, Willenborg H, Daentzer D. Comparison of molding helmet therapy versus natural course in twins with nonsynostotic head deformation. Journal of cranio-maxillo-facial surgery : official publication of the European Association for Cranio-Maxillo-Facial Surgery. 2023;51(6):369-74.
- Blanco-Diaz M, Marcos-Alvarez M, Escobio-Prieto I, De la Fuente-Costa M, Perez-Dominguez B, Pinero-Pinto E, et al. Effectiveness of Conservative Treatments in Positional Plagiocephaly in Infants: A Systematic Review. Children (Basel, Switzerland). 2023;10(7).