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Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS)

Methode

Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS) bei therapieresistenten Depressionen
 

repetitive transcranial magnetic stimulation
Verwendete Medizinprodukte

MAG & More Deutschland:Apollo TMS Therapy, PowerMAG Touch, PowerMAG lab 30, PowerMAG lab 100, PowerMAG EEG 30, Power MAG EEG 100, PowerMAG ppTMS, Power MAG QPS
 

Magstim Deutschland: Horizon®Performance, Horizon®Lite, Magstim Rapid²Family
 

Neurosoft Schreiber & Tholen Medizintechnik GmbH Deutschland: Neuro-MS/D, NEURO-MS/X ADVANCED, NEURO-MS/X, NEURO-MS/D ADVANCED
 

Sebers Medical Deutschland: Blossom TMS™ FDA cleared Therapy System
 

MagVenture USA (verkauft durch Schumacher medTech GmbH München): MagPro R30, MagPro X100
OPS

OPS 8-632 Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS)

OPS 8-632.0 Grundleistung

OPS 8-632.1 Therapiesitzung
Inkl. Erhaltungs-rTMS
Indikation Therapieresistente Depressionen
ICD

F32.- Depressive Episode (bzw. unipolare Depression)

F33.- Rezidivierende depressive Störung

F31.- Bipolare affektive Störung (bzw. Depression im Rahmen einer bipolaren affektiven Störung)
Oberkategorie Therapie
(Haupt)Fachgebiet Psychiatrie
Bearbeitung in NR
  • ASP Methodenbewertung (ambulant)
  • ASP PPP (stationär)
Erstellt durch MFB Methodenbewertung
Datum der letzten Bearbeitung 05.07.2024
vorhandene Dokumente
Kurzbeschreibung des Krankheitsbilds

Depressionen sind psychische Störungen, die durch einen Zustand deutlich gedrückter Stimmung, Interesselosigkeit und Antriebsminderung über einen längeren Zeitraum gekennzeichnet sind; damit verbunden treten häufig verschiedenste körperliche Beschwerden auf (1).

 

In der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Unipolare Depression (1) gelten als therapieresistent allgemein Patientinnen und Patienten, die auf mindestens zwei unterschiedliche, adäquat (auf-)dosierte Antidepressiva aus verschiedenen Wirkstoffklassen nicht angesprochen haben. Unklar ist, wie in der Definition der therapieresistenten Depression (TRD) das Nichtansprechen auf psychotherapeutische Interventionen zu verorten ist, insbesondere wenn sie in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung eingesetzt wurden. In der NVL wird unter Therapieresistenz daher ein Nichtansprechen auf eine initiale Therapie sowie mehr als eine weitere Behandlungsstrategie verstanden.
 

Die genaue Definition ab wann eine schwere Depression therapieresistent ist, ist deshalb schwierig, da es keine Einigung gibt, was als Therapieansprechen gilt. In vielen Studien wird Therapieansprechen als eine mehr als 50-prozentige Verbesserung auf der Depression Skala eingestuft.
Kurzbeschreibung der Methode

Bei der repetitiven Transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) werden mit einer nichtinvasiv an die Kopfhaut angelegten Spule elektromagnetische Impulse erzeugt, die wiederholt appliziert werden (1). Hierfür sind weder Narkose noch Muskelrelaxation erforderlich. Dabei werden darunter liegende Hirngebiete stimuliert, über die Beeinflussung des Energiestoffwechsels der Nervenzellen soll eine antidepressive Wirkung erzielt werden. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht bekannt.
 

Ein Behandlungszyklus umfasst in der Regel fünf 20 bis 30-minütige Sitzungen pro Woche für 3-6 Wochen. Es existieren verschiedene Stimulationsformen und Weiterentwicklungen, die sich in der stimulierten Hirnregion sowie in Frequenz, Intensität und zeitlichen Intervallen des Magnetfeldes unterscheiden, z. B.
 

  • hochfrequente Stimulation des linken dorsolateralen präfrontalen Cortex
  • niederfrequente Stimulation des rechten dorsolateralen präfrontalen Cortex
  • bilaterale rTMS (bTMS)
  • tiefe TMS (dTMS): Stimulation auch subkortikaler Regionen durch spezielle Spulenkonstruktion
  • Theta burst stimulation (TBS): 50Hz Stimulation in Gruppen zu drei Stimuli alle 200 ms. Bei Depressionen kommt v. a. eine links-frontale intermittierende TBS (iTBS, 2 s Stimulation, 8 s Pause) zum Einsatz.
     

Für die Behandlung depressiver Störungen wird üblicherweise wiederholt der linke oder rechte dorsolaterale präfrontale Cortex (DLPFC) durch ein starkes, zeitlich veränderliches Magnetfeld (Pulsdauer 100-400 μs, Intensität 1,5-2,5 Tesla) stimuliert.
 

Für die Anwendung finden sich Medizinprodukte unterschiedlicher Hersteller sowie unterschiedliche Gerätetypen. Bei der Begutachtung ist auf die vom Hersteller festgelegte (und medizinproduktrechtlich verbindliche) Indikationsbeschreibung zu achten. Die Bedienungsanleitung des Medizinproduktherstellers ist zur Indikationsprüfung stets zu berücksichtigen.
 

Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen lokale Schmerzen (Kopf-, Nacken- oder Gesichtsschmerzen). Sehr selten kann ein epileptischer Anfall ausgelöst werden (1); sehr selten wird über Ohnmacht berichtet.
 

Kontraindiziert ist die rTMS bei Patienten mit metallischen Implantaten im Schädelinneren (z. B. Cochlea-Implantate, Neurostimulatoren, Aneurysma-Clips) und Epilepsie-Risiko (Vorgeschichte, Familienanamnese). Bestimmte Medikamente, legale und illegale Drogen können das Risiko für Krampfanfälle erhöhen (z. B. Benzodiazepine, Barbiturate, Imipramin, Amitriptylin, Amphetamine, Alkohol, Kokain). Da derzeit keine kontrollierten Studien zur Anwendung der rTMS bei Schwangeren existieren, sollte auch hier eine sorgfältige Kosten-Risiko-Analyse vor einer Behandlung erfolgen.
Evidenz

Die Evidenzqualität für die transkranielle Magnetstimulation (rTMS) nach einmaligem Nichtansprechen einer medikamentösen Behandlung ist sehr niedrig, weil in den Studien zumeist Mischpopulationen eingeschlossen waren, in denen der Anteil der Patienten mit nur einer Vorbehandlung niedrig war (1). Zudem existieren nur Subgruppenanalysen zur Frage der Effektivität in Abhängigkeit von der Anzahl der medikamentösen Vorbehandlungen. Deren Ergebnisse weisen jedoch konsistent darauf hin, dass die Wirksamkeit von rTMS mit der Anzahl der Therapielinien sinkt. Für rTMS sprechen der schnelle Wirkeintritt sowie die im Vergleich zu anderen Strategien größeren zu erwartenden Effekte, wenn auch unklar ist, wie nachhaltig diese sind.
 

Der Systematischer Review mit Metaanalyse von Vida et al. 2023 (5) mit 19 RCTs mit insgesamt eingeschlossenen 854 Patienten mit pharmakoresistenter Depression zur Ansprechrate (response) und neun RCTs zur Remission mit insgesamt 551 Patienten mit pharmakoresistenter Depression mit rTMS als Zusatztherapie zeigte, dass rTMS bei TRD mit einer klinisch relevanten antidepressiven Wirkung verbunden ist und ein nützliches Instrument bei der Zusatzbehandlung von Patienten mit TRD sein könnte. Die rTMS-Zusatzbehandlung zu Antidepressiva erwies sich als besonders wirksam bei der Erzielung einer vollständigen Remission.
 

Erwarteter Vorteil der rTMS gegenüber der elektrokonvulsiven Therapie (ECT) sind die geringere Invasivität und die ambulante Anwendung ohne Notwendigkeit einer Anästhesie und Aufwachphase. In Studien zeigte die ECT einen Vorteil gegenüber rTMS in Bezug auf die klinisch relevante Verbesserung auf der Depressionsskala, jedoch keine signifikanten Ergebnisse im Hinblick auf Ansprech- und Remissionsrate. Die Qualität der Studien ist sehr niedrig, u. a. bedingt durch niedrige Fallzahlen und hohe Heterogenität der Patientenpopulationen.
 

Laut eines HTA-Berichts der Health Quality Ontario 2016 (6) ist mittels rTMS nur ein kleiner Kurzzeiteffekt zur Verbesserung der Depression im Vergleich zur Scheintherapie festzustellen. Nachbeobachtungsstudien konnten keinen Langzeiteffekt zeigen.
 

Das österreichische HTA-Institut kommt in seinem Bericht 2017 zu dem Fazit, dass die Ergebnisse der Bewertung zeigen, dass rTMS im Allgemeinen sicher und gut verträglich ist. rTMS hätte einen kurzfristigen Effekt auf die Verbesserung der Depression im Vergleich zur Scheinintervention, der allerdings klinisch nicht relevant sein könnte. Follow-up Studien konnten keinen langanhaltenden Effekt von rTMS finden. Aufgrund dieser niedrigen Qualität der Evidenz könnten neue Studienergebnisse die Effektschätzung erheblich beeinflussen. Weitere Studien, die Langzeitdaten zu rTMS untersuchten, seien notwendig, um die tatsächliche Wirksamkeit der Intervention zu bestätigen.
 

Auch wenn kurzeitige Wirksamkeit belegt ist, fehlt es an Langzeitdaten und vergleichenden Untersuchungen zu etablierten Standardtherapien.

Leitlinien

Die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) „Unipolare Depression“ aus 2022, gültig bis 09/2027, enthält für die rTMS als Zusatztherapie eine offene Kann-Empfehlung bei Patienten, die nicht auf eine Monotherapie mit Antidepressiva ansprechen und eine schwache Sollte-Empfehlung bei weiterem Nicht-Ansprechen. In der Leitlinie wird darauf hingewiesen, dass die Evidenzqualität für transkranielle Magnetstimulation (rTMS) nach einmaligem Nichtansprechen einer medikamentösen Behandlung sehr niedrig sei, weil in die Studien zumeist Mischpopulationen eingeschlossen waren, in denen der Anteil der Patienten mit nur einer Vorbehandlung niedrig war. Zudem existierten nur Subgruppenanalysen zur Frage der Effektivität in Abhängigkeit von der Anzahl der medikamentösen Vorbehandlungen. Deren Ergebnisse weisen jedoch konsistent darauf hin, dass die Wirksamkeit von rTMS mit der Anzahl der Therapielinien sinkt. Für rTMS sollen der schnelle Wirkeintritt sowie die im Vergleich zu anderen Strategien größeren zu erwartenden Effekte sprechen, wenn auch unklar sei, wie nachhaltig diese sind. rTMS sei aufwändiger durchzuführen als die meisten anderen Optionen bei Nichtansprechen und werde in Deutschland bisher nur an wenigen Kliniken angeboten.
 

Das kanadische Expertennetzwerk CANMAT (Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments) empfiehlt die rTMS als Erstlinientherapie für Patienten, die nicht auf eine Monotherapie mit mindestens einem Antidepressivum angesprochen haben, in seiner 2016 veröffentlichten Leitlinie „Clinical Guidelines for the Management of Adults with Major Depressive Disorder“ (7).
Alternativen

In Abhängigkeit vom Schweregrad und von der Erkrankungsphase kommen zur Behandlung depressiver Störung verschiedene Optionen in Betracht, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:
 

  • Hilfe zur Selbsthilfe und Stärkung von Selbstmanagement-Fähigkeiten durch Psychoedukation, Bibliotherapie, niedrigschwellige gesprächsbasierte Interventionen; jeweils ggf. in technologiegestützter Form;
  • Psychotherapie;
  • medikamentöse Therapie;
  • andere neurostimulatorische Verfahren
  • psychosoziale Interventionen (Ergo- oder Soziotherapie)
  • unterstützende Maßnahmen (Sport- und Bewegungstherapie, Lichttherapie, Schlafentzugstherapie).
Urteile Keine relevanten Urteile bekannt.
Art der Leistungserbringung Grundsätzlich ist eine ambulante Durchführung möglich, jedoch nicht im Leistungskatalog der GKV (NUB im Sinne von § 135 SGB V)
Fazit
  • Bei der repetitiven Transkraniellen Magnetstimulation zur Behandlung von therapieresistenten Depressionen handelt es sich im vertragsärztlichen Bereich formal um eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode nach § 135 Abs. 1 SGB V. Voraussetzungen des § 2 Abs. 1a SGB V sind in der Regel nicht erfüllt.
  • Bisherige Bewertung bzw. Beratungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) sind dem Medizinischen Dienst nicht bekannt.
  • Die publizierten Studienergebnisse sind nicht ausreichend, um von einem Beleg des Nutzens, der den Anforderungen der §§ 2 und 12 SGB V genügt, auszugehen.
  • Die bislang veröffentlichte Datenlage genügt dem sogenannten partiell abgesenkten Qualitätsgebot im Sinne der aktuellen BSG-Rechtsprechung zu schwerwiegenden Erkrankungen. Im Rahmen einer Einzelfallbegutachtung soll geprüft werden, ob die Kriterien des BSG-Urteils B 1 KR 25/20 R vom 25.03.2021 für Potentialleistungen kumulativ erfüllt sind.
  • Vorrangig soll im Einzelfall geprüft werden, inwieweit vertragliche Alternativen verfügbar sind. Nach der Leitlinie „Unipolare Depression“ ist die Nichtansprechbarkeit auf einen adäquat durchgeführten medikamentösen Behandlungsversuch eine Voraussetzung für die Anwendung von rTMS.
  • Die stationäre Aufnahme eines Patienten ausschließlich zur Durchführung einer rTMS ist sozialmedizinisch nicht nachvollziehbar. Entscheidend ist die stationäre Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit unter Berücksichtigung des § 39 SGB V auf Grundlage der psychischen Störung. Alternativ ist eine Behandlung in der psychotherapeutischen Institutsambulanz möglich.
Kommentar/ Hinweise

Zur Erstattung von Zusatzkosten gibt es seit 2020 einen Zusatzentgelt (ZP 75).

 

Literatur:

  1. Bundesärztekammer (BÄK) KBK, Arbeitsgemeinschafts der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitline Unipolare Depression - Langfassung, Version 3.2.2022 2022 [zuletzt abgerufen am 11.06.2024] www.leitlinien.de/themen/depression/version-3.
  2. Ludwig Boltzmann Institut. Repetitive transcranial magnetic stimulation for treatment-resistant major depression 2017 [zuletzt abgerufen am 28.05.2024]. Available from: http://eprints.hta.lbg.ac.at/1130/1/DSD_107.pdf.
  3. Mutz J, Vipulananthan V, Carter B, Hurlemann R, Fu CHY, Young AH. Comparative efficacy and acceptability of non-surgical brain stimulation for the acute treatment of major depressive episodes in adults: systematic review and network meta-analysis. BMJ. 2019;364:l1079.
  4. Hein E, Nowak M, Kiess O, Biermann T, Bayerlein K, Kornhuber J, et al. Auricular transcutaneous electrical nerve stimulation in depressed patients: a randomized controlled pilot study. J Neural Transm (Vienna). 2013;120(5):821-7.
  5. Vida RG, Saghy E, Bella R, Kovacs S, Erdosi D, Jozwiak-Hagymasy J, et al. Efficacy of repetitive transcranial magnetic stimulation (rTMS) adjunctive therapy for major depressive disorder (MDD) after two antidepressant treatment failures: meta-analysis of randomized sham-controlled trials. BMC Psychiatry. 2023;23(1):545.
  6. Milev RV, Giacobbe P, Kennedy SH, Blumberger DM, Daskalakis ZJ, Downar J, et al. Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) 2016 Clinical Guidelines for the Management of Adults with Major Depressive Disorder: Section 4. Neurostimulation Treatments. Can J Psychiatry. 2016;61(9):561-75.